Carolin Mojavari (Piontek)

Mitteldeutsche Zeitung - 11/12. OKTOBER 2014

„Ist es nicht sonderbar, daß wir klar und deutlich unser ganzes Leben empfinden, wenn wir dicke schwere Wolken bald dem Monde vorübereilen, bald ihre Ränder von dem Monde vergoldet, bald die Wolken den Mond völlig verschlingen sehen? es kömmt uns verständlich vor, als könnten wir bloß in solchen Bildern unsre ganze Lebensgeschichte schreiben (...)."

Phillip Otto Runge

 

 

Viele Jahrhunderte wurde die Landschaftsmalerei als kulturhistorisch immanente Malerei unterbewertet. Dabei ist sie die Äußerung einer Weltsicht der jeweiligen Epoche und offenbart die Gefühlswelt des in ihr lebenden Individuums so eindringlich wie ein Portrait. Aufgebrochen als eine Sehnsucht des Menschen nach der Ursprünglichkeit der Natur, die durch die Zivilisation und ihrer Kultivierung, der zunehmenden Verstädterung und dem Verlust seiner inneren Harmonie erwuchs, wird die Landschaftsmalerei zum Ausdruck seines Innenlebens und zu einer Möglichkeit der Selbstfindung, indem der Mensch versucht seine Stellung in der Welt zu definieren. Die Landschaftsmalerei hat sich stets gewandelt und neue Sichtweisen aufgezeigt. Anfangs als Hintergrundkulisse hat sie nun den Platz als unabhängiges Bildthema neben der Portraitmalerei und dem Stillleben eingenommen. Immer geht die Landschaftsmalerei mit einem ästhetischen und kulturellen Bewusstsein und dem Aufbegehren der Wissenschaften nach Welterschließung einher. Sie bietet einen unaufdringlichen Einblick in politische, kulturelle, gesellschaftliche oder religiöse Ansichten des Künstlers und der Menschen seines Zeitalters. Wir leiten aus der Natur Gesetzmäßigkeiten her, die unsere Erfindungen vorantreiben, um uns ein besseres Leben zu ermöglichen und sogar die Menschenrechte als naturgegeben zu untermauern, wie Rousseau dies tat. Wenn auch diese Theorie einige Lücken hatte, wie später Voltaire ironisch spöttelte, besaß sie auch einige Relationen zu unserem Dasein. Die Landschaft wird zum Spiegelbild des Lebens wie der Frühromantiker Phillip Otto Runge bemerkt. Die Natur ist in ewigem Wandel begriffen zwischen Wachstum und Zerstörung, Leben und Tod. In der Natur finden wir Zuflucht, Trost, Gewissheit und Geborgenheit vor den Erschütterungen menschlicher Werte durch Krieg, Politik, gesellschaftliche Missstände und persönliche Schicksalsschläge. Der Mensch erfährt Selbstachtung, indem sie ihn Achtung seiner Umwelt lehrt, unabhängig von Nation, Hautfarbe, Ideologie, Religion, gesellschaftlicher Stellung oder Philosophie. ...Nicht nur für Kunst, Literatur und Wissenschaft ist Natur ein bedeutsames Thema. Die Natur und inwiefern wir sie erhalten können wird die Zukunft der Zivilisation bestimmen.

 

...Beruft man sich auf Ritters Worte, so muss gefragt werden, ob die vom Menschen erbauten Städte tatsächlich den Wunsch nach Freiheit des Menschen erfüllen. Wohl kaum. In Wahrheit ist die Stadt kein Garant für die Freiheit des Menschen sondern vielmehr ein goldener Käfig bestehend aus Täuschungen, Künstlichkeit, Gesetzen, die das Leben beschneiden, Überwachung, Kontrolle von Menschen über den Menschen - ein ungeheuerliches System der Unterdrückung. Die Abhängigkeiten, die der Mensch in der Stadt erfährt, haben sich im Gegensatz zu den in der Natur lebenden Menschen extremisiert. Als der einzige Ausweg bleibt oft nur die Flucht aus der Enge in den Städten in die Natur und in die Landschaft, in welcher sich dieser auf die Echtheit, Stabilität und ihre harmonischen, ausgeglichenen Verhältnisse, die auch die seinen sind, besinnen kann. Warum die angebliche Bestimmung des Menschen „Mehret euch und macht euch die Erde untertan“ nicht funktionieren kann liegt dabei auf der Hand. Der Mensch – selbst der Natur zugehörig – postuliert über dieses ihm instruierte Gesetz seinen Machtanspruch auf Natur und begründet mit diesem somit diktatorisch zu handeln und zu denken, ohne dass dieser sich um den Einklang des Menschen mit der Natur bemüht sieht. Er lebt nicht mehr in und mit der Natur und hat sich weitestgehend von ihr entfernt. Landschaft ist zwar die Brücke zwischen Mensch und Natur, denn sie vereint Kultur und Natur in sich, aber der Mensch hat die Grenze zwischen Natur und kultivierter Landschaft längst verloren. Plastikblumen werden ihm Ersatz für die echte unkünstliche Natur. Statt von naturbelassenen Lebensmitteln ernährt sich dieser nun von Massentierhaltung und genmanipulierten Pflanzen, deren Entwicklung gesteuert vorangetrieben wird. Alles wird funktionalisiert und auf vorgegebene Maße abgestimmt. Jeglicher Bezug zur Natur ist ihm verlorengegangen. Der Mensch befindet sich sogar in einem regelrechten Krieg gegen die Natur. Für kurzlebige kommerzielle Erfolge durch Ausbeuten von Naturressourcen spielt dieser mit der Zukunft nächster Generationen, auf welche die Last derer zurückfallen wird, welche die Natur einst deformierten. Die Verhältnisse, welche in der Natur gegeben sind, wurden zerrüttet und spiegeln den derzeitigen Zustand unserer Gesellschaft wieder, die sich immer mehr in den Extremen von arm und reich ansiedelt und auseinanderdriftet. Der Mensch ist ein Teil von riesigen Produktionsmechanismen, die er selbst nicht mehr zurückverfolgen kann und verliert seine Unabhängigkeit. Als Zufluchtsort bleibt ihm die Landschaft, welche ihm nur noch als abstrakt erscheint, denn versucht dieser sie als Natur zu sehen muss er sich ihr gegenüber als gesellschaftliches und kulturelles Wesen ausklammern. Durch die ästhetische Landschaftsschau überwindet der Mensch die durch Profitgier wachsende Gleichgültigkeit gegenüber den Dingen, die ihn umgeben. Die Landschaftsmalerei gibt dem Menschen die Möglichkeit sich auszudrücken und zu seinem Ursprung, seinem existenziellen Ort zurück zu gelangen, um sich einer Sinnfindung anzunähern, die ihm im Stadtleben mit seinen künstlichen Täuschungen abhanden gekommen ist. Deshalb findet „der „Mensch, der von der Rastlosigkeit seines Begehrens hin und her getrieben wird“, in der Schönheit der Natur die „Harmonie, die ihm selbst verloren gegangen ist.“ Wer die Freiheit sucht der sucht die Natur.

 

Matthias Eberle; „Individuum und Landschaft – Zur Entstehung und Entwicklung der Landschaftsmalerei“; Anabas – Verlag; Gießen 1980, S. 10

(Auszug aus der theoretischen Diplomarbeit von Carolin Mojavari "Natur und Landschaft als ungleiche Begriffe im historischen Wandel der Landschaftsmalerei" 2012 als Buch über Amazon oder unter www.grin.de erhältlich)

Ausstellung "Familienaufstellung" Carolin Mojavari - Werke von Carolin Mojavari (Piontek) - Meisterschülerin vom 12.07.-28.07.2013 täglich von 14 - 20 Uhr

Carolin Mojavari Ausstellungseröffnung 13.07.2012

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Kommentare

  • heiko klemm (Sonntag, 05. August 2012 20:11)

    Du wirst Deinen Weg machen!
    Herzlichen Glückwunsch zur bevorstehenden Hochzeit und
    zur bevorstehenden Geburt Deines Sohnes!

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Carolin Mojavari Staatsangehörigkeit: Deutsch
2009 - 2016 Künstlerin  in Berlin
 2016 Ausstellungen als Maler
2013 Die neue Kunsthalle der Deutschen Bank Berlin
2012 7 siebte Berlin Biennale
2001 - 2016  verschiedene Ausstellungen